Meditation findet dich überall

Zwischen Ruhe und Wirklichkeit – über Klarheit, Präsenz und die Gefahr, sich in einer Scheinwelt zu verlieren

Meditation ist weit mehr als stilles Sitzen im Schneidersitz. Sie kann geschehen beim Tanzen, Wandern, Malen oder sogar beim Autofahren. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Präsenz ,das Eintauchen ins Hier und Jetzt. Meditative Zustände öffnen uns für das, was ist, und lassen uns uns selbst begegnen, ganz ohne Räucherstäbchen oder Klangschalen. Gleichzeitig braucht es ein waches Auge: Meditation kann Klarheit bringen, sollte aber nicht zur Flucht aus der Realität werden.

Was Meditation wirklich ist

Wenn wir an Meditation denken, tauchen oft Bilder von Mönchen im Lotussitz auf, sanftem Räucherduft, Klangschalen oder vielleicht ein Retreat in den Bergen.
Doch in ihrer Essenz bedeutet Meditation: bewusst sein. Nicht nur im Aussen still werden, sondern vor allem im Innern. Einen Moment innehalten. Ganz da sein mit dem, was gerade geschieht. Der spirituelle Lehrer Jiddu Krishnamurti sagte:

"Meditation ist nicht Entkommen; es ist das mutige Hineingehen in die Realität."Und Realität findet überall statt – nicht nur auf dem Meditationskissen.

Der meditative Zustand – mitten im Leben

Ein meditativer Zustand ist ein Moment tiefer Verbundenheit: mit uns selbst, mit dem Leben, mit dem Moment.
Wir alle kennen ihn, manchmal ohne es zu merken.

  • Beim Klettern – Die Hand sucht den nächsten Griff, der Blick ist wach, der Kopf frei. Nur Präsenz.
  • Beim Laufen oder Schwimmen – Der Körper bewegt sich im Rhythmus, und plötzlich wird es still im Geist.
  • In Yoga oder Tai Chi – Jede Bewegung wird zu einer Begegnung mit dem Augenblick.
  • Beim Tanzen – Die Gedanken verschwinden, der Körper spricht.
  • In kreativen Tätigkeiten – Malen, Stricken, Musizieren. Hände und Herz übernehmen das Ruder.
  • Beim Kochen oder Putzen – Die Wiederholung wird zum sanften Mantra.
  • Beim Autofahren – Das Ziel rückt in den Hintergrund, der Weg selbst wird zum Erleben.

Klarheit – ja. Illusion – nein.

Meditation kann tiefe Ruhe und innere Klarheit schenken. Sie kann helfen, das Wesentliche zu sehen und Entscheidungen aus einem friedlicheren Raum heraus zu treffen. Doch sie ist kein Allheilmittel und schon gar kein Freifahrtschein, vor dem Leben zu fliehen. Manche versuchen, jeden inneren Sturm "wegzumeditieren", statt sich den Ursachen zu stellen. Das kann so sein, als würde man morgens eine Kopfschmerztablette nehmen – nicht, weil man Kopfschmerzen hat, sondern aus Angst, sie könnten kommen. Achtsamkeit bedeutet nicht, das Leben weichzuzeichnen, sondern es klar zu sehen – auch mit seinen harten Kanten. Meditation darf kein Ersatz für mutige Entscheidungen oder offene Gespräche werden. Sie soll uns stärken, der Realität ins Auge zu blicken, nicht sie zu umgehen.

Wege in den meditativen Zustand

Meditation beginnt mit der Entscheidung, jetzt da zu sein, nicht in Gedanken über gestern oder morgen. Wege dahin sind vielfältig:

  • Den Atem spüren – als Anker ins Jetzt.
  • Sich einer Tätigkeit hingeben, ohne Zweck ausser dem Tun selbst.
  • Den Alltag verlangsamen – Achtsamkeit in kleinen Momenten üben.
  • Alle Sinne öffnen – das Licht am Morgen, den Klang des Windes, den Duft des Kaffees. 

Es geht nicht darum, nichts zu denken, sondern zu bemerken, dass wir denken – und nicht darin unterzugehen.

Eine Haltung zum Leben

Meditation ist weniger Technik als Haltung: eine stille Offenheit für das, was ist. Sie fragt nicht: Was bringt mir das? Sondern: Was geschieht gerade?Und manchmal bedeutet das, die Augen weit zu öffnen und die Welt zu sehen, wie sie ist – nicht, wie wir sie gern hätten.

Abschliessender Gedanke

Vielleicht ist Meditation genau dann am reinsten, wenn wir aufhören, sie als "Meditation" zu bezeichnen.

Wenn wir sie nicht in einen Raum oder ein Ritual sperren, sondern sie überall leben.
Wenn wir – mitten in einem Gespräch, beim Abwasch oder auf einem Spaziergang – den Moment finden, in dem wir ganz da sind.

"Es gibt eine Stimme, die keine Worte benutzt. Höre auf sie." - Rumi

Und manchmal flüstert sie: Bleib hier. Sieh genau hin. Das ist das Leben.


Liebe Grüsse Patrik