Die Falle der Normalität
Wenn das Raster unsere Natur erstickt
In einer Welt, in der alles geregelt, kategorisiert und genormt ist, verlieren wir zunehmend den Kontakt zu unserer ureigenen Natur. Was bedeutet es eigentlich, normal zu sein – und wer bestimmt das? In diesem Blogbeitrag beleuchte ich, was mit uns, unseren Kindern und unserer Gesellschaft geschieht, wenn wir uns zu sehr dem Raster unterwerfen. Es geht um mehr als Rebellion: Es geht um Erinnerung. An das Wilde, das Freie, das Wahre in uns.
Der Ruf nach Ordnung – und sein Preis
In unserer modernen Gesellschaft ist fast alles geregelt. Wir leben in einem System aus Vorschriften, Konventionen, sozialen Erwartungen – von der Art, wie wir sprechen, bis zu der Kleidung, die als "angemessen" gilt. In vielen Bereichen mag das hilfreich oder gar notwendig sein: Verkehrsregeln retten Leben, Höflichkeit vereinfacht das Zusammenleben. Doch was geschieht, wenn diese Regeln zur starren Norm werden, zum alles bestimmenden Raster?
"Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Leben." – Arno Gruen
Wenn wir beginnen, uns selbst und andere nur noch danach zu bewerten, wie gut sie sich in dieses Raster einfügen, verlieren wir den Blick für das, was lebendig, ungezähmt und vielleicht auch unbequem ist – aber eben auch echt.
Was ist eigentlich "normal"?
"Normal" heisst eigentlich nur: der Norm entsprechend, der Norm sprechend. Aber wer legt diese Normen fest? Was in einem Land als normal gilt, kann in einem anderen als merkwürdig erscheinen. Was heute akzeptiert ist, war vor hundert Jahren skandalös – und umgekehrt. Die Norm ist also kein Naturgesetz, sondern ein bewegliches, oft willkürliches Konstrukt.
Kinder spüren das instinktiv. Sie sind nicht an Konventionen gebunden, folgen ihrem inneren Rhythmus, stellen Fragen, tanzen in ungeraden Linien. Doch sobald sie "sozialisiert" werden, beginnt der Anpassungsprozess. Was sich gehört, was man nicht tut, was komisch wirkt, all das lernen sie früh. Der Preis ist hoch: Spontaneität, Kreativität und manchmal auch das Selbstwertgefühl bleiben dabei auf der Strecke.
Der Mensch als Naturwesen
Wir sind nicht gemacht, um perfekt ins Raster zu passen. Der Mensch ist kein Uhrwerk. Wir sind Rhythmen, Emotionen, Geschichten. Unser Körper kennt Zyklen, unsere Seele kennt Tiefen und Höhen, unser Geist sucht nach Sinn, nicht nach Standardisierung.
Das bedeutet nicht, dass wir in Anarchie leben sollen. Gesellschaft braucht Orientierung. Doch es braucht auch Räume für das Andere, das Wilde, das Nicht-Erklärbare. Es braucht ein Ja zur Vielfalt, nicht nur im Denken, sondern im Sein.
Wer nicht "normal" ist, gilt als "komisch"
Wie oft haben wir es gehört – oder selbst gedacht: "Der ist schon ein bisschen speziell." Oder: "Das Kind ist halt schwierig." In Wahrheit meinen wir oft: Es fällt aus der Norm. Aber vielleicht ist genau das die Qualität, die fehlt in einer Welt voller Funktionieren und Angepasstheit.
"Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein." – Jiddu Krishnamurti
Kinder, die träumen, Erwachsene, die Fragen stellen, Menschen, die laut lachen oder leise weinen – sie alle erinnern uns an das, was jenseits des Rasters liegt: Menschlichkeit.
Was macht das mit uns?
Wenn wir ständig versuchen, normal zu sein, verlieren wir irgendwann den Zugang zu unserem inneren Kompass. Wir orientieren uns nach aussen, nach dem, was "man" tut, statt nach innen, nach dem, was für uns stimmig ist. Wir werden fremd in unserem eigenen Leben. Und das spüren wir: als Erschöpfung, als innere Leere, als Sinnkrise.
Unsere Kinder übernehmen diese Haltung. Sie lernen früh: Sei nicht zu laut. Sei nicht zu wild. Sei nicht zu du selbst. Und irgendwann fragen sie sich, warum sie sich selbst nicht mehr spüren.
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist es Zeit, nicht mehr normal sein zu wollen. Vielleicht ist es Zeit, das Komische, das Unangepasste, das Echte wieder willkommen zu heissen – in uns und in anderen. Denn was die Welt braucht, sind nicht mehr Regeln, sondern mehr Menschlichkeit.
"Normalität ist eine gepflasterte Strasse: man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen darauf." – Vincent van Gogh
Liebe Grüsse Patrik